Hier eine weitere Antwort auf die Frage:
Meine Antwort setzt ein paar Grundkenntnisse über das Zählprinzip voraus, die ich anhand eines kurzen Beispiels erläutern möchte. Nehmen wir die typische Aufgabe, Mariechen hat fünf verschiedene Paar Schuhe, acht verschiedene Paare Socken und zehn verschiedene Kleider. Die Frage ist, wie viele Möglichkeiten hat sie, sich zu kleiden? Für jedes der fünf Paare Schuhe kann sie eines der acht Paare Socken wählen, was fünf mal acht, also vierzig Möglichkeiten ergibt. Für jede dieser Möglichkeiten kann sie eines der zehn Kleider wählen, hat also vierhundert Möglichkeiten insgesamt (unter der Voraussetzung, sie wird die Schuhe und Socken immer paarweise anziehen :-)).
Wichtig ist hier das Prinzip: Wir haben ein paar Merkmale (Schuhe, Socken, Kleider), die wir heranziehen, um eine Kombination von der nächsten zu unterscheiden. Für jedes dieser Merkmale haben wir eine Menge an Ausprägungen (Farbe oder Muster der Socken, Form der Schuhe, u.s.w.). Die Anzahl der Elemente jeder dieser Mengen bezeichnen wir als Kardinalität (in dem Beispiel fünf, acht bzw. zehn). Die Anzahl der möglichen Kombinationen ist das Produkt der Kardinalitäten der Ausprägungsmengen (5 x 8 x 10 = 400).
Wie komme ich nun zu der Antwort auf die Frage, wer ich bin? Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch aus einer endlichen (obwohl sehr großen) Anzahl Teilchen besteht, dann gibt es endlich viele Merkmale, die ihn charakterisieren. Allein von diesen Merkmalen gibt es so viele, dass uns ihre Anzahl unendlich erscheint, angefangen von der Schuhgröße über die Augenfarbe und die Form der Ohrläppchen bis hin zu Sprachkenntnissen, Musikalität oder Glaube. Jedes dieser Merkmale gibt es wiederum in so vielen Ausprägungen, dass auch diese uns unendlich erscheinen - aber auch die Töne der Augenfarben sind endlich viele, weil die Augen aus einer endlichen Anzahl Atome bestehen.
Rein theoretisch wäre es also möglich, eine zwar riesige aber endliche Anzahl Merkmale mit einer jeweils endlichen Anzahl Ausprägungen aufzulisten, die einen Menschen eindeutig beschreiben. Das Produkt der Kardinalitäten all dieser Ausprägungen ergäbe dann die noch rieisigere Anzahl unterschiedlicher Menschen, die es geben kann.
Was mich einzigartig macht ist die praktische Unmöglichkeit, dass es einen anderen Menschen geben kann, der für alle Merkmale, die ich besitze, genau dieselben Ausprägungen hat.
Und selbst wenn: Ich lebe, und bin deshalb heute nicht derselbe, der ich gestern war, und werde morgen nicht mehr der sein, der heute diese Zeilen schreibt. Also würden ich und meine Kopie, wenn es diese gäbe, nur für den Bruchteil einer Sekunde identisch sein, und uns sofort wieder auseinander entwickeln, weil nicht beide exakt den gleichen Einflüssen ausgesetzt sein können.
Wer bin ich also? Ich bin nicht nur eine der schier unendlich vielen Möglichkeiten, einen Menschen zu gestalten, sondern die Abfolge einer ganz bestimmten Auswahl dieser Möglichkeiten seit dem Zeitpunkt meiner Zeugung.